Auslandssemester in Bujumbura Burundi Burundi, Bujumbura   01:15

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Anne, 15 Januar 2012
Burundi Burundi , Bujumbura 27°


Von einer, die geht wie eine Kuh

Ich liege im Bett, der Regen prasselt auf das Wellblechdach, verschluckt alle anderen Geräusche. Es ist so laut, dass jede Unterhaltung unmöglich wäre- aber das macht nichts, ich liege hier still, ein Buch neben mir und lausche hinaus. Mein Magen rumort, seit gestern abend schon, die Nacht war ziemlich hart. Krämpfe, Gliederschmerzen, Schweißausbrüche, Übelkeit. Passiert immer mal wieder, ist, solange kein Fieber dazukommt, das auf Malaria oder Typhus hindeutet, nichts wirklich Besorgnis erregendes. Ausruhen, einen Tag lang nichts essen, dafür aber viel Tee und Heilerde in Wasser aufgelöst trinken; wenn der Durchfall anhält, noch eine Kohletablette hinterher und Elektrolytlösungen. Wenn sich der Magen langsam wieder beruhigt, viel Joghurt, um die Darmflora wieder aufzubauen. Vitamine, wenns geht, aber keine zu säurehaltigen Früchte. Fettige Speisen vermeiden, Hülsenfrüchte auch. Geheimtipp sind Papayakerne. Und meine homöopathische Reiseapotheke sowieso.
In den letzten Monaten ist zu meinem tropenmedizinischem Halbwissen noch einiges dazugekommen. Aloe Vera-Blätter kauen zum Beispiel hilft gegen Parasiten im Bauch- bei dem krass bitteren Geschmack kann ich mir das gut vorstellen- ich hab das Gefühl, meine Speiseröhre wird gleich mit weggeätzt. Marihuana, so ein guter Freund, hilft eh gegen alles, gerne auch in Form von Tee. Hier krank zu sein bedeutet oft, sich von sämtlichen Menschen deiner Umgebung Tipps, Diagnosen und Behandlungsmethoden anhören zu müssen- das ist teilweise total spannend und hilfreich, teilweise wirklich anstrengend. Vor einem Monat hätten sie mir fast schon die schnell bei einem befreundeten Apotheker besorgte Quinin-Spritze in den Oberschenkel gerammt- bevor die Laborergebnisse überhaupt da waren. Und siehe da- es war gar keine Malaria. Seit ich nämlich einen in China schon seit 2500 Jahren gegen Malaria eingesetzten und ebenfalls ekelhaft bitteren Tee trinke, lässt mich diese Krankheit endlich in Frieden.
So kam ich bis jetzt Gott sei Dank auch um längere Krankenhausaufenthalte herum. Ich glaube nicht, dass es irgendwo wirklich schöne, ansprechende Krankenhäuser gibt, in die man gerne geht- die hier sind es auch nicht. Da immer mal wieder irgendeine Cousine, irgendein Onkel im Krankenhaus liegen, was dann bedeutet, dass die gesamte Familie mindestens täglich besucht, oft auch auf dem Flur vor dem Zimmer oder im Hof vor dem Krankenhaus (da die Flure meist mit Patient_innen belegt sind) campiert, da die Versorgung der Kranken mit Essen, Trinken aber auch Laken wechseln oder waschen selbstverständlich zu ihren Aufgaben gehört, bin ich auch immer mal wieder da, um meinen Beistand auszudrücken. Ich, die ich es hasse, allein zu sein, wenn es mir schlecht geht, finde es sehr beeindruckend und schön, wie selbstverständlich alle da sind, wie bunt und fröhlich die Krankenzimmer sind, weil natürlich auch immer die Kinder dabei sind. Es duftet nach Reis und Maniok statt nach Desinfektionsmitteln und der Klatsch und Tratsch lässt manchmal fast denken, wir wären auf dem Markt. Eine gute Umgebung, um nicht den Mut zu verlieren und gegen seine Krankheit anzukämpfen. Andererseits ist es eben auch hart zu sehen, wie schlecht es den Kranken oft geht, weil Medikamente, Ärzt_innen, Hygiene, Pfleger_innen fehlen. Immer wieder hören Angehörige den Satz: „Wir können hier nichts tun, haben die Mittel nicht… wenn er_sie nach Indien oder Südafrika gebracht werden könnte, dort wäre es ein leichtes ihm_ihr zu helfen…“ Immerhin hat in Ruanda jetzt eine Krebsstation aufgemacht- aber auch das Nachbarland ist weit weg für die meisten. Das Ticket kostet einen durchschnittlichen Monatslohn, von den Kosten der Behandlung ganz zu schweigen. Es sind alles Realitäten, die mir bewusst sind, sind alles nur eine Seite diese Landes, die eigentlich viel zu oft betont wird… aber die eben da sind. Wenn mir meine beste Freundin hier von den Umständen ihrer Entbindung erzählt, wenn ich am Bett eines bis auf die Knochen abgemagerten Onkels sitze, der an seiner Diabetes sterben wird, dann möchte ich weinen, manchmal tu ich es auch. Es sind die Momente, wie der, als der Prof die durchschnittlichen Lebenserwartungen in Burundi und Deutschland nebeneinander an die Tafel schreibt und ich das Gefühl habe, keine Luft mehr zu bekommen. Es ist etwas anderes, nur die Berichte, die Statistiken zu lesen obwohl auch schon die mich oft so traurig machen. Die Ungerechtigkeiten der Welt, mal im Mikro-, mal im Makrokosmos. Eine Seite nur dieses Landes, die Seite, die dazu führt, dass das Land im Human Development Index- Ranking den drittletzten Platz belegt. Es gibt so viele andere Aspekte, Seiten, wunderschöne Dinge, beeindruckende Kraft, Innovation, Hoffnung, Mut, ich hoffe, ich vermittele euch mit meinen Erzählungen hier ein wenig davon. Aber diese andere, diese traurige Seite des Lebens hier (viel mehr für alle anderen als für mich mit Krankenversicherung, Reisepass und Geld für ein Rückflugticket ausgestatteter Privilegierten) ist eben auch da und macht traurig und wütend, sehr wütend auf die Strukturen, Interessen und nicht zuletzt die Mächtigen im globalen Norden, aber auch hier, die all das schaffen, zulassen, verschlimmern. Es erinnert an die großen Herausforderungen, vor denen unsere Weltgesellschaft noch steht und jede und jeder einzelne. Es gibt Antriebskraft, etwas dagegen zu tun. Denn so, so kann es doch nicht bleiben.


Ich muss lachen. Eben hat mir jemand tief in die Augen geschaut und mir zugewispert, ich würde „marcher comme une vache“ – also gehen wie eine Kuh. Völlig entrüstet und verdattert habe ich dem netten Herrn gesteckt, dass mein Herz nicht mit Beleidigungen zu gewinnen sei und was er sich denn bitte einbilde- bevor mir meine Freundin mit tiefernster Miene erklärte, das sei so ungefähr das schönste Kompliment überhaupt. Mit einer Kuh verglichen zu werden, dem alten Symbol des Reichtums… es sei auch ein Kosename unter Brautleuten und „Beine wie eine Kuh“ zu haben, der Traum der Mädels.
Immer wieder stolpere ich über die Bilder, Gleichnisse, tiefen Glauben, manche würden vielleicht „Aberglauben“ sagen. Einen Abend greift Romeo meine Hand und starrt meinen kleinen Finger an. „Weißt du, was das bedeutet?“, fragt er aufgeregt und deutet auf einen weißen Fleck auf meinem Fingernagel. „Ja“, sage ich, „Vitamin- oder anderer Nährstoffmangel“ Rom schüttelt verwundert den Kopf. „Reichtum und Glück“, erwidert er. „Bis der Fleck hinauswächst, wirst du eine Menge Geld erhalten“
Und wieder die Kühe. Zu Weihnachten schenke ich den Jungs ein Spiel aus Deutschland. Ein Kartenspiel, bei dem es am Schluss darum geht, möglicht wenig Hornochsen (Strafpunkte) zu haben. Ich brauche ewig, um es zu erklären, was sicherlich größtenteils an meinem mangelhaften Französisch liegt, aber das Spielen klappt so lange nicht, bis wir die Regeln ändern- es will ihnen einfach nicht einleuchten, warum es schlecht sein sollte, viele Kühe zu besitzen.
Als ich hier glücklich von der Verbesserung des Gesundheitszustandes eines Krebskranken erzähle, die in Deutschland selbst bei den Ärzt_innen Erstaunen ausgelöst hat, ernte ich hier ein wissendes Lächeln. „Wir haben ja auch für ihn gebetet“ sagen sie in selbstverständlichem Ton. Die Zeit der Aufklärung, die in Europa sorgsam Rationales und Irrationales, Wissenschaft und Religion, Gefühle und Kalkül voneinander getrennt haben, gab es hier so nie. Es ist, so habe ich zumindest den Eindruck, alles vollständig miteinander verwoben, alles eins, schwer oder gar nicht zu trennen. Zwei Menschen habe ich in Ostafrika bisher getroffen, die nicht an Gott glauben- einer davon war mein Wirtschaftsprof, der deswegen von allen Studierenden gefürchtet war.


Was für ein wunderbarer Geburtstag. Bei sehr angenehmen 25 Grad eine Party im Garten gehabt- bei Vollmond und Teelichtern, mit leckerem Essen und gutem Wein/Schnaps aber vor allem mit fast allen meinen Freund_innen hier und jeder Menge Musik. Die Gitarre ging reihum und die meisten der knapp 30 Gäste blieben tatsächlich fast bis Mitternacht- auch die Kids. Ich kann mein Glück kaum fassen, hier so viele tolle Menschen gefunden zu haben, wirklich. Ich habe wahrscheinlich den ganzen Abend nur gelächelt und war mir bewusst, wie selten und wie wertvoll solche Momente sind- keine Prüfung, keine Hausarbeit, keine Deadline, kein Termin im Nacken, eine großartige Familie und Freundinnen in Deutschland, die mich anrufen und an mich denken und eine auch ebenfalls sehr famose große Freund_innenfamilie hier, die für mich singen, tanzen, da sind… kein Beziehungsstress, keine Sorgen um Geld (lebe hier relativ easy von meinem Kindergeld) und die Gewissheit, während der nächsten Wochen noch oft die Zeit für eine Jamsession mit guten Freunden oder ein Buch zu haben. Dankbar bin ich, so dankbar. Fast versucht, ganz gegen die ewigen „Naturgesetze“ unserer auf Wachstum geprägten Gesellschaft zu sagen: „Es reicht. Ich brauche nicht mehr, als das was ich jetzt habe. Es ist genug. Und es ist gut“


Ungemein zärtlich, krass brutal. Unbegreiflich wunderschön und unvorstellbar grausam. Schon vor Jahren hab ich an dieser Stelle geschrieben, dass mir das Leben in Ostafrika oft intensiver, extremer vorkommt, in beide Richtungen.
Viele Dinge, die bei uns genauso vorhanden, aber meist gut versteckt sind, treten hier offen zutage. Armut in Form von abgemergelten Straßenkindern. Krankheit in Form von Menschen, die dir ihren mit Geschwüren bedeckten Arm ins Gesicht halten und um Geld für eine Behandlung bitten. Der Tod in Form von Kindersärgen im Sonderangebot am Straßenrand. Das Schlachten von Tieren mitten auf dem Markt, die Hochzeitsfeiern, bei denen nicht selten tausend Menschen feiern und die offen für alle sind. Die dreimonatige Trauerperiode nach dem Tod von jemandem, in der jeden Tag viele Menschen den ganzen Tag bei den Hinterbliebenen sitzen und über die Person, ihren Tod, die Zukunft sprechen. Mittrauern. Teilweise komplett fremde Menschen kommen und reden, Trost spenden oder einfach nur da sitzen. Selbst ich war über Familie und Freund_innen hier schon bei solchen Versammlungen, obwohl ich die Toten nie persönlich kannte.
Genau wie bei Geburten. Es ist völlig selbstverständlich, dass nach der Geburt eines Kindes das Haus mindestens zwei Wochen rund um die Uhr von Angehörigen und Freund_innen bevölkert wird, meist ziehen weibliche Verwandte oder Freundinnen für einige Zeit ein, um die Eltern zu unterstützen. Vielleicht ist das auch nur beim ersten Kind so, das habe ich noch nicht herausgefunden.
Gemeinschaft, immer wieder, das höchste Gut. Alleine kann man nicht überleben. Familien, Verwandtschaft, Nachbar_innen, Freund_innen, Arbeitskolleg_innen, Klassenkamerad_innen, überall soziale Netzwerke, die viel mehr leisten als ich das aus Deutschland gewöhnt bin, die viel tiefer gehen in ihren Rechten und Pflichten, die sich viel mehr halten und tragen- vielleicht auch, weil sie es müssen.
Ich muss oft an diesen Initialmoment 2008 in Tansania denken, als ich so krank war wie ich es hoffentlich nie mehr sein werde und immer jemand an meinem Bett saß. Für mich betete, mir Essen brachte, obwohl ich es nicht runterbekam, mir die fieberheiße Stirn kühlte. Das ganze Dorf wusste, dass ich krank war, sie kamen, machten Mut, halfen mir nach Wochen beim ersten Aufstehen. Selbst Kilometer entfernt und Wochen später sprachen mich damals Menschen, die ich noch nie gesehen hatte, an, ob ich denn wieder ganz gesund sei.
Einigen mag das anstrengend vorkommen- mich hat es, nach nur wenigen Wochen auf diesem Kontinent, überzeugt, mein Leben hier verbringen zu wollen, mit diesen Menschen zu leben, zu arbeiten, für ihre Rechte zu kämpfen und von ihnen zu lernen… und nicht zuletzt meine Kinder hier aufzuziehen. Denn, wie heißt es so schön in einem der vielen afrikanischen Sprichwörter: „It takes a village to raise a child“






Soooo und jetzt gibt’s was neues. War ja durch das ein oder andere Amöbchen ein bisschen an mein Bett gefesselt und hab mir in der Zeit was für euch ausgedacht. Da ich ja a) hier nur eine ziemlich begrenzte Anzahl von Bildern reinstellen kann, das b) auch nervig lange dauert und ich mir c) auch eigentlich nicht so sicher bin, ob ich die immer so für die ganze ans Internet angeschlossene Menschheit öffentlich präsentieren möchte, kommt jetzt die Lösung.
Ich richte so was wie einen USB-Stick/ein Fotoalbum im Internet ein, auf das ihr per Einladung meinerseits zugreifen könnt- wenn ihr denn mögt. Einige kennen das bestimmt, dropbox heißts und ist eine ziemlich geniale Erfindung.
Wer also mehr möchte als meine literarischen Ergüsse hier, schreibe mir doch bitte eine Mail an meine Emailadresse. Die ist so wie der erste Teil des Blognamens mit hotmail.com hintendran.
Ich werd da nicht nur einige Fotos –keine Angst, wirklich nur einige- reinstellen, sondern auch die beiden –englischen- Radiointerviews mit Radio Burundi, bei denen sich ja einige beschwert hatten, dass sie sie nicht hören konnten. Und Musik aus Burundi.

Wer keine Lust auf „Anne am Strand von Zanzibar“, „Anne in Juba“ oder „Anne auf burundischen Bergen“ hat, lässts bleiben und bleibt hoffentlich einfach Leser_in der hier bis April mehr oder wenig regelmäßig erscheinenden Texte. Achja, dass ihr euch da links unten mit eurer Emailadresse eintragen könnt, wenn ihr bei was neuem benachrichtigt werden wollt, wisst ihr oder?


Tausend schwülheiße Küsse aus Burundi in die Welt, heute besonders nach Chile, Argentinien, Sibirien (müsstest jetzt gerade in der Transsib hocken) und Ägypten- eure Musik und Geburtstagsmails versüßen mir gerade die Krankenzeit.

Überrasche Anne in Burundi mit einem Anruf via LowCalls.de

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